Jona am Weg zur Liebe Am Beginn des Weges, am Eingang zum Labyrinth, spricht Gott zu Jona und gibt ihm einen Auftrag: "Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, in die große Stadt, und drohe ihr das Strafgericht an." Gott schickt Jona auf eine "Heldenreise". Das Ziel ist die Auseinandersetzung mit dem Bösen. Doch Jona ist nicht nach einer Heldentat zumute und er beginnt seinen Weg mit einem großen Bogen. Er ignoriert Gottes Worte aber nicht einfach. Er sagt nicht: "Ich bin dafür nicht der richtige, es gibt sicher andere die das besser können." Jona verweigert nicht den Aufbruch. Er macht sich auf den Weg, allerdings nicht auf das Ziel zu, sondern in die andere Richtung. Er tritt ein in einen Weg voller Wendungen. Es beginnt mit einem Sturm, der seinen Fluchtweg blockiert. Als sich das Scheitern der äußeren Flucht ankündigt, versucht er die Flucht nach innen, er flüchtet in den Schlaf. Er versucht in seinem Labyrinth weiter von der Mitte weg zu kommen. Doch der Sturm wird stärker, seine Mitreisenden akzeptieren seine Flucht nicht und nötigen ihn zu beten. Schließlich wird das Los geworfen wer an allem Schuld sein könnte. Als es auf Jona fällt, muß er sich seinem Konflikt stellen. Er weiß es und gesteht, dass sich wegen ihm die ganzen Probleme zusammengebraut haben. Er bekennt sich ohne Ausrede dazu und macht dann einen überraschenden Vorschlag: "Werft mich über Bord in den Tod." Er entscheidet sich für den radikalsten Rückzug den es gibt. Im Labyrinth ist er nun im äußersten Umgang, am weitesten entfernt von der Mitte. Was sind seine Motive für diesen brutalen Vorschlag? Warum will er lieber sterben als umkehren? Ist es die Panik im Sturm, die Verzweiflung versagt zu haben, oder nagt noch immer der Stolz in ihm und flüstert in seinem Inneren: Lieber sterben, als klein beigeben. Die Mannschaft will vorerst bei dieser selbstzerstörerischen Lösung nicht mittun, muß sich aber den äußeren Umständen beugen und: "dann nahmen sie Jona und warfen ihn in das Meer, und das Meer hörte auf zu toben." Jona ist am Gipfel seiner Krise angelangt, hat mit allem abgeschlossen und wartet auf einen raschen Tod. Es folgt eine Grunderfahrung des Menschseins. Erst wenn der Mensch seine Herrschaftsansprüche über sich und andere aufgibt, entfaltet sich das Wirken Gottes. Auch das konkrete Handeln Gottes wird erst dann eindeutig sichtbar, wenn sich die Wunder nicht mehr mit Einbildung, oder mit überdurchschnittlicher Menschenkraft erklären lassen. Im Wasser wartet nicht der Tod, sondern ein Wal. Im Bauch des Wals ist Jona endlich bereit für eine Wendung auf das Ziel zu. Jetzt betet er aus ehrlichem Herzen, er bereut, er bekehrt sich, er läßt sich auf Gott und sein Wort ein. Er ist im Labyrinth nun praktisch an der selben Stelle, wie ganz am Anfang und darum ereignet sich auch in der Geschichte das gleiche wie schon ganz am Anfang: "Das Wort des Herrn erging zum zweiten Mal an Jona". Jona faßt das Ziel ins Auge und marschiert los. Nun ist das Ziel in Reichweite, drei Tage durchquert Jona die Stadt, dann ist er am Ziel. Er konfrontiert die Menschen mit dem Bösen, er nimmt den Kampf auf, und er siegt. Ninive wendet sich vom Bösen ab, tut Buße und "tötet den Minotauros". Jona ist ein Held, er hat den Heldenweg letztlich mit großer Leichtigkeit und Bravour gemeistert. Doch was jetzt? "Jona wurde zornig" und anstatt sich zu freuen, fällt er in die gleiche Depression wie damals am Schiff. Da steht der große Held inmitten seines Triumphes und betet: "Nimm mir jetzt lieber das Leben, Herr, denn es ist für mich besser zu sterben, als zu leben." Was ist denn bloß in ihn gefahren? Bitter beschwert sich Jona über Gottes Barmherzigkeit. Er hatte sich den Sieg über das Böse anders vorgestellt. Nicht Umkehr, sondern Vernichtung hätte ihm gefallen. Und mit der Macht Gottes im Rücken wäre es auch gegangen. Jona wollte gern Gott zum Kampfgefährten haben. Er wollte sich Gott an seine Fahnen heften und sich die göttliche Gewalt zum Diener eigener menschlicher Machtgelüste und Heldentaten machen. Er wollte Ninive in Rauch und Asche versinken sehen und mit wehendem Haar und geschwungenem Prophetenstab den Engel der Gerechtigkeit spielen. Behutsam schickt Gott Jona auf den zweiten Weg, auf den Weg aus dem Labyrinth heraus, auf den Liebesweg. Die Wendungen sind diesmal nicht so dramatisch, aber der Weg ist deshalb nicht einfacher. Langsam wird das Herz gewendet. Gott läßt einen Strauch wachsen, der Schatten wirft. Der heiße Kopf Jonas kühlt sich langsam ab. Dem Hitzkopf Jona wird der Ärger leise ausgetrieben. Aber in den äußeren Umgängen des Labyrinths ist nicht mehr Wohlbefinden angesagt, sondern harte innere Arbeit. Wenn die Liebe Einzug halten soll, muß Gottes Wesen verstanden und mitempfunden werden können. Noch einmal bedeutet es für Jona einen Durchgang durch eine stechende, Besinnung raubende Krise. Erst in Todesnähe wird das Leben spürbar. Erst dann können Fragen gestellt, Antworten gefunden werden, die zu den wesentlichen Wendungen führen. Jonas Herz wird Stück um Stück gewendet, geformt und zur Liebe eingeladen. Der Schlußsatz der Geschichte hängt auf den ersten Eindruck vielleicht unvermutet und unfertig in der Luft, aber er ist von ergreifender Tiefe. Er steht wie ein Markierungszeichen am Ende dieses Weges der Liebe aus dem Labyrinth. "Mir sollte es nicht leid tun um all die Menschen, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können - und außerdem so viel Vieh?" In den letzten Worten blitzt nicht nur der zarte Humor der Liebenden auf, sondern wer den Weg der Liebe geht, weiß sich nicht nur mit Menschen, sondern mit der ganzen Schöpfung verbunden. Gernot Candolini